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Musica Obscura Vol. 17 Kraut & Pilze

In den 60ern war die deutsche Musikwelt noch in Ordnung. Seichte Schlager und Fahrstuhl-Jazz beherrschten die Radiostationen, während aus dem Ausland immer öfter experimentelle, drogenschwangere Rocksongs herüberschwappten. Nach und nach entstand auch in Deutschland eine äußerst experimentelle Rockszene, die ihre größte Inspiration nicht selten als eher fragwürdigen Substanzen zog.

Der Begriff Krautrock soll wohl auf John Peel zurückgehen, der dazu 1968 von dem Song “Mama Düül und ihre Sauerkrautband spielt auf” der Genre-Vorreiter Amon Düül angeregt wurde. Generell wurde in den 70ern bald alle deutsche Rockmusik im Ausland als Krautrock vermarktet, heute rechnet man dem Genre aber eben vor allem diese experimentelle Seite an, die bis heute weiterlebt und lang nicht mehr nur aus Deutschland kommt. Die folgenden zehn Songs stammen aber aus der Blütezeit von deutschen Bands!


[DirektKraut]

Kraftwerk – Strom

Bevor Kraftwerk mit ihren Album Autobahn einen radikalen Stilwechsel hin zu elektronischer Musik machten und damit Legenden wurden, machten sie als eher akustische Krautrocker ihren Anfang. Warum die Band ihre Frühwerke heute hasst und am liebsten tot schweigt, bleibt mir schleierhaft, denn diese waren mindestens ebenso experimentell und wegweisend wie die danach folgenden!

Electric Sandwich – China

Electric Sandwich feierten im Bonner Raum um 1970 herum so einige Erfolge, blieben mit ihrem oft improvisierten psychedelischen Rock aber eher unbekannt. Nach relativ kurzer Zeit löste sich die Band wieder auf, um sich “vernünftigerem” zu widmen. Nach dem das nun geschehen ist, rockt die Band seit der Jahrtausendwende wieder, wobei allerdings der Impro-Charakter stark zurückgeschraubt wurde und man nun auf eher üblichen Rock setzt. Lediglich ihren damaligen kleinen Hit “China” hat die Band immer noch in der Originalversion im Repertoire.

Agitation Free – Ala Tul

1967 in Berlin entstanden, spielten Agitation Free anfangs vor allem Coversongs, bis sie sich zu langen Improvisationen entwickelten und ihre Shows auch durch visuelle Experimente von der Masse abhoben. 1972 erschien dann endlich ihr Debutalbum, dem bis in die 90er weitere folgen sollten. Von den vier Gründungsmitgliedern sind nur noch zwei in der Band aktiv, während vor allem Christopher Franke später mit Tangerine Dream doch den großen Erfolg erreichte.

Amon Düül II – Deutsch Nepal

Als eine der wichtigsten deutschen Rockbands bedarf die Band trotz ihres eher obskuren Namens nicht all zu großer Einleitung. 1967 aus einer münchner Künstlerkommune entstanden und später von der ursprünglichen Band Amon Düül abgesplittet, konnte die bis heute bestehende Band einige Erfolge verbuchen und ihre “Mutterband”, die selbst fast nur improvisierte Anti-Musik spielte und sich 1970 auflöste, schnell hinter sich lassen. Beide Formationen waren aber auf ihre Weise wegweisend für das Genre und darüber hinaus.

Giants – He He Ho

Kommen wir zum obskursten Vertreter der Ausgabe. Die Giants waren eine Kölner Band, die sich erst dem Beat verschrieben hatten, dann aber mehr und mehr in psychedelische Richtung gingen. In der Kölner Umgebung machten sie sich schnell einen Namen, blieben aber darüber hinaus weitgehend unbekannt. 1971 erschien ihr einziger Tonträger “He He Ho / Broken Earth” mit einer Auflage von nur 500 Stück. Ersteres der beiden Stücke konnte dann später ein etwas größeres Publikum erreichen, als es 1987 auf der Compilation “Kraut! Demons! Kraut!” auftauchte.

Can – Tango Whiskeyman

Can gehören wie schon Amon Düül II zu den sicher bekanntesten und wichtigsten Vertretern des Krautrock. Ihr kaum zu definierender Stil, der mit dem eigentlichen Begriff Rock, wie auch die Band selbst beteuerte, nicht allzu viel zu tun hatte, ist ein Paradebeispiel dafür, wie vielseitig und experimentell das Genre eigentlich ist. Obwohl es an sich als Sammelbegriff für kaum zu definierende Musik aus Deutschland begann, haben die Bands aber dennoch irgendwie einen schwer definierbaren gemeinsamen Nenner.

Eloy – Future City

Die nach dem Volk aus H.G. Wells’ “Time Machine” benannte Band Eloy gehört auch zu den eher bekannten Vertretern des Genres. Ihren großen Erfolg erreichte die Band aber erst nach der Krautrock-Zeit, als sie sich mit Orgel- und Synth-lastigem Progressive Rock beschäftigten. Interessanterweise wird in vielen ihrer Songs trotz des eher futuristischen Sounds die moderne Technik angeprangert und der Magie gehuldigt.

Neu! – Hallogallo

Auch Neu! hat einen aus der deutschen Rock-Geschichte kaum mehr wegzudenkenden Namen. Die Band gehörte ursprünglich der frühen Besetzung von Kraftwerk an, machte sich 1971 aber selbstständig und behielten damit den eher weniger elektronischen Sound der frühen Kraftwerk bei. Ihr Debut-Album war zwar ein kommerzieller Flop, gilt mit Klassikern wie “Hallogallo” aber als einflussreiches Meisterwerk.

Embryo – Tausendfüßler

Embryo lassen sich weniger als Band denn als Kollektiv bezeichnen. In seiner mittlerweile über 40-jährigen Geschichte haben mittlerweile über 400 Musiker an Stücken mitgewirkt. Dementsprechend vielseitig und unberechenbar klingen die vielen Alben auch. Irgendwo steckt aber immer der Krautrock drin, oft stark mit Einflüssen aus der Weltmusik versetzt.

Guru Guru – Immer lustig

Während die Band sich nicht dem Krautrock angehörig fühlt, gilt sie als einer der bedeutendsten Vertreter des Genres in den 70ern. Mit ihren experimentellen, teils sehr ausufernden Songs passen sie aber eben auch in die Riege der Bands, für die man einfach kein besseres Label findet. Ähnlich wie auch Embryo wechselte die Besetzung der Band unzählige Male und nur Gründer und Frontmann Mani Neumeier blieb konstantes Mitglied über alle mehr als 40 Alben.

Kommentare

1

Das Problem beim “Krautrock” ist, dass John Peel damals noch keine Ahnung hatte, was noch kommen würde. Das, was heutzutage alles unter “Krautrock” fällt, hat damit nicht mehr viel zu tun. Die Scorpions, Faust, (die ganz frühen) Grobschnitt, Amon Düül (II), Ton Steine Scherben, Ougenweide – alle kommen aus Deutschland und haben “damals” gemeinsam musiziert, das ist auch schon die einzige Gemeinsamkeit.

Was sagt das aus?

Vor allem, dass die meisten Rezensionskasper von Musikgeschichte keinen Schimmer haben…
Und dass “Krautrock” als Etikett ungefähr genau so viel aussagt wie “Tonfolgen”.

geschrieben von tux.
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2

@tux.: Über Genres und ihre Bezeichnungen kann man sowieso gut streiten. Ich war an sich mal jemand, der überhaupt keine Genrebezeichnungen verwendete, weil ich sie für ungenügend und unsinnig hielt, tat mich dann aber immer verdammt schwer, anderen Bands zu beschreiben, ohne sie stilistisch zumindest ein wenig einordnen zu können. Mittlerweile stehe ich sowas eher offen gegenüber und verwendet auch Begriffe wie Indie Rock oder Trip-Hop, obwohl sie auch so Sammelschubladen für alles Mögliche sind. Irgendwo sind da ja doch immer Gemeinsamkeiten, die Musik in solchen Genres zusammen bringt. Im Endeffekt ist doch eh die Hauptsache, dass man die Musik seinen Lesern schmackhaft machen kann.

Was Krautrock im Speziellen angeht: Sicher hatte John Peel damals noch keine Ahnung, was noch kommen würde. Trotzdem soll er als erster einen Begriff verwendet haben, der später das Genre Krautrock betiteln sollte und tat das ja immerhin auch, um eine Band zu beschreiben, die man dem Genre auch heute noch zuschreibt. An sich also nichts anderes als bei vielen anderen Genres auch. Was Krautrock nun wirklich aussagt, ist interpretierbar. Für mich ist es experimentelle Musik (ursprünglich) aus Deutschland, die irgendwo zwischen früher Elektronik und Progressive und Psychedelic Rock anzusiedeln ist. Viele Bands haben da so einen gewissen Grundsound, der schwer zu definieren ist, für mich aber halt schon irgendwo den Krautrock ausmacht – eben auch Bands, die weder aus Deutschland stammen, noch ihre Musik in den 70ern gemacht haben!

Ich habe letztendlich auch sowieso lieber so weitgehende, offene Genrebegriffe, die eben eine Grundtendenz wiedergeben, als solche, die einen ganz eng gesteckten Stil bezeichnen und Bands damit in ein Korsett schnüren, das ihnen nicht gerecht wird.

geschrieben von beetFreeQ
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3

“Krautrock” zeigt aber nicht mal eine Grundtendenz auf, wie du anhand meiner Beispiele womöglich erkennen kannst; jedenfalls keine musikalische.

Ich beschreibe in meinen Halbjahresrückschauen daher auch lieber, wonach die Musik klingt (“scheppert”), als mich mit irgendwelchem Genreunfug herumzuplagen (“Metal”)…

geschrieben von tux.
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4

@tux.: Für mich ist da schon eine gewisse Ähnlichkeit drin. Die Scorpions würde ich (vielleicht abgesehen vom ersten Album) sowieso nicht dem Krautrock zuordnen, die anderen Bands passen in meinen Augen aber allein wegen der Kombi aus Experimentellem und Psychedelischem zusammen.

Teilweise funktioniert es ganz gut, Musik lautmalerisch zu beschreiben, in vielen Fällen aber auch nicht. Vielleicht hab ich da auch zu wenig Fantasie, um die passenden Begriffe zu finden. Ich habe da kein Problem mit Genres, solange man sie nicht zu ernst nimmt sondern einfach als groben Wegweiser versteht.

geschrieben von beetFreeQ
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5

Siehst du, da hast du es doch schon mit den “Ausnahmen”. Experimentell und Psychedelisch muss es sein, um Krautrock zu sein? Was ist mit Ton Steine Scherben? Weder experimentell noch (anfangs) psychedelisch. Oder Faust? Experimentell vielleicht, aber psychedelisch?

geschrieben von tux.
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6

Dieses Blog finde ich als Musikliebhaber total interessant. Vor allem als eine Quelle für Musik die ich noch nie gehört habe. Also Daumen hoch erstmals. He He Ho klingt mir eher nach Blues Rock (auch geil). War auch cool Strom zu hören, denn als Englander kenne ich die Musik von Kraftwerk nur seit Autobahn (habe ich auf 12″ natürlich).

Mir interessiert’s wie man eine Band wie Tangerine Dream beschreiben würde… Ich habe einiges von denen, und die frühere Alben waren auf jeden Fall experimentell, z.B Phaedra und The Sorcerer, (eigentlich nür Geräusch), durch Tyger, Live Miles usw (welche mir besser gefallen), bis Melrose (Aufzugsgedudel mMn…).

Gruß vonner Insel!

geschrieben von Pauly
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