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Totgesagt und neugeboren warum der Tod des Albums seine Rettung ist

Oft wurde er beschworen, der Tod des Albums. Mit zunehmender Digitalisierung der Musikwelt, dem unabwendbaren Wegfall physischer Tonträger und dem Boom der Verkäufe einzelner Songs halten viele das Albumkonzept für nicht mehr zeitgemäß. Bands sehen nicht mehr ein, warum sie immer erst ein ganzes Album produzieren sollen, wenn sie doch viel schneller einzelne Songs produzieren und ihren Fans als Download bereitstellen können. Fans picken sich lieber nur noch die Songs aus dem Kuchen heraus, die ihnen am besten gefallen. Und ganz ehrlich: es ist nicht schade um das, was ein Album heutzutage meistens noch ausmacht. Lasst es sterben!

Wenn wir mal Jahrhunderte zurückgehen, lang bevor man überhaupt Tonträger oder den Begriff des Musik-Albums kannte, gab es zwei Möglichkeiten: Musiker spielten einzelne Stücke zur Unterhaltung, oder sie spielten eine ganze Sonate, eine Suite oder eine andere Art von zusammenhängendem Konzert. Letztere Variante war in Endeffekt der Vorläufer des Albums, aber dieser hatte noch einen weit größeren Sinn als nur wahllos mehrere Stücke aneinander zu reihen. Er hatte ein durchgängiges Konzept.

Mit Aufkommen der Tonträger in ihren verschiedensten Formen setzten sich diese beiden Varianten Musik zu machen fort, mussten sich aber nach und nach in ein Korsett pressen lassen, worunter vor allem die letztgenannte zu leiden hatte. Tonträger hatten jeweils nur eine technisch bedingte Maximallänge. Die Ära der Populärmusik nutzte das Medium Schallplatte und später natürlich auch die CD mehr und mehr zur reinen Zusammenstellung einzelner Songs, denn die konnte man doch besser verkaufen und sie ließen sich fließender konsumieren als einzelne Songs auf einzelnen Platten. Bands brachten Alben heraus, Zusammenstellungen neuer Songs, meist doch begleitet von wiederum einzeln “ausgekoppelten” Songs als Single, um die Verkäufe weiter zu steigern.

Natürlich gab es auch immer noch zusammenhängende Konzerte, in der Moderne zu Konzept-Alben geworden, die sich vor allem unter moderner Klassik, Jazz und Progressive Rock durchsetzten. Aber sie führten nur noch ein Nischendasein unter den Tonnen an zusammenhangslosen Alben, die den Markt überfluteten und noch durch irgendwann in Mode gekommene Best-Of-Compilations unterstützt wurden.

In der Gegenwart angekommen, wacht man langsam auf. Der aufmerksame Hörer merkt, dass sich unter einigen Songperlen doch auch oft Füllmaterial versteckt, auf das man doch gut verzichten könnte. Vor allem aber in der Welt der kommerziellen Chartsmusik hat man daran zu knabbern. Waren doch schon zur Hoch-Zeit der CD die Albumverkäufe nie so lohnend wie die Singles, wird es nun nur noch schlimmer. Warum sollte man sich ein ganzes Album des neuesten Charts-Sternchens kaufen, wenn man doch nur den Song haben will, den man doch ständig im Radio hört?

Das Albumformat, wie es der Mainstream seit Jahren pflegt, hat wirklich ausgedient. Daran gibt es nichts zu rütteln und das ist auch ganz gut so. Was allerdings nicht tot ist und gerade heute seine Renaissance erleben dürfte, ist die Form des Konzept-Albums. An sich ist es doch auch ganz logisch. Wenn eine Sammlung von Songs einem zusammenhängenden Rahmen, vielleicht einer ganzen Geschichte folgt, hat sie auch nach dem Tod der CD eine sinnvolle Daseinsberechtigung. Mehr noch, dank dem Wegfall der technischen Fessel Albumlänge und den immensen multimedialen Möglichkeiten die sich für Künstler heute ergeben, wird das Format, sicher in abgewandelter oder viel diverserer Form weiterleben.

Film und Musik werden zusehends verschmelzen, Bands werden neben einzelnen Songveröffentlichungen die Befreiung von Konventionen und starren Strukturen nutzen, um experimentelle Konzept-Alben unterschiedlichster Länge zu veröffentlichen. Die Begriffe Album und auch EP werden vielleicht nicht ewig überdauern, die uralte Tradition, mehrsätziger, zusammenhängender Musik bleibt aber erhalten und hat die vielleicht spannendste Zeit noch vor sich. Das Album ist tot! Lang lebe das Album!

Kommentare

1

Hm, du stellst hier den Tod des Albumformats fest, aber es bringen doch nahezu alle Künstler und Bands noch immer Alben heraus. Und das sind beileibe nicht alles Konzeptalben.

Ich denke, für den Tod des Albumformats ist es im Moment noch zu früh. Zur Zeit wird es doch vor allem mit limitierten Editionen am Leben gehalten, die mal mehr, mal weniger Extras enthalten. Das ist jedenfalls mein Eindruck.

Bin übrigens ein großer Verfechter des Albums. :)

geschrieben von Konna
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2

@Konna: OK, dass es schon tot ist, war vielleicht etwas übertrieben. Ich wollte damit aber auch etwas provozieren. Allerdings hört man aber auch immer öfter, dass Bands keine Alben mehr veröffentlichen wollen, dass sie statt dessen lieber einzelne Singles rausbringen. Und je mehr die CDs aussterben, desto weniger Alben werden erscheinen, da bin ich ganz sicher. Immerhin wird ja auch schon rege von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, einzelne Songs aus einem Album zu kaufen.

Später wird meiner Ansicht nach vor allem eben noch das Konzept-Album übrig bleiben. Welchen Grund hat eine Band in ein paar Jahren noch, Songs erst zu veröffentlichen, wenn man so etwa eine Albumlänge voll hat, wenn man sowieso jeden Song direkt nach dem Produzieren verkaufen könnte und man ja eh nicht mehr an die Zeitvorgaben einer CD gebunden ist? Nur noch den, damit ein Konzept zu verfolgen, egal, ob es dabei um eine großangelegte mehrteilige Story oder einfach das wirklich bewusste Zusammenstellen toller Songs geht. Denn das macht doch ein gutes Album aus – nicht die teils lieblose Aneinanderreihung von Songs, weil sie halt grad genug für ein Album sind.

Ich bin ja auch ein Album-Hörer und habe sogar den Tick, möglichst immer erst ein Album zu Ende zu hören, bevor ich etwas anderes höre, aber so nach und nach merke ich auch bei mir, dass sich meine Hörgewohnheiten ändern. Ich höre jetzt auch vermehrt Einzelsongs, die Bands grad frisch veröffentlicht haben. Und die meisten Songs funktionieren nun mal auch genau so gut außerhalb des Album-Kontexts, weil ich eben feststelle, dass sich nur noch wenige Bands wirklich die Mühe geben, ein Album wie aus einem Guss klingen zu lassen.

Was meiner Meinung nach bleiben oder vielleicht noch größer werden wird, ist die Mixtape- oder Compilation-Kultur. Eine gut zusammengestellte Compilation ist ein tolles Werkzeug, um neue Musik kennen zu lernen und genau so etwas wird man auch in Zukunft immer noch sehr gut brauchen können.

geschrieben von beetFreeQ
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3

Sehe ich ein bisschen anders, aber das mag auch daran liegen, dass es in den musikalischen Kreisen, die wir jeweils bevorzugt hören, anders zugeht. Zumindest spielt die Zusammensetzung und -stellung eines Albums auch ohne ein konkretes Albumkonzept eine wichtige Rolle. Eine lieblose Aneinanderreihung von Songs wäre aus meiner Sicht auch ein Grund, ein Album schlechter zu bewerten, wenn man mal vom Kritikerstandpunkt ausgeht.

Übrigens glaube ich nicht, dass es darum geht, ein Album “voll zu kriegen”. Auch in Zukunft werden immer mehrere Songs wenn nicht auf CD, dann aber zumindest gleichzeitig veröffentlicht werden. Erstens, weil es sich nicht lohnen dürfte, für einen Song ins Studio gehen, zweitens, weil für eine neue Tour eigentlich immer ein ganzer Schwung neuer Songs benötigt wird, drittens, weil es sicherlich gewinnbringender ist, jemandem, der vielleicht eine Single für sich entdeckt hat, gleich weiteres Futter anzubieten (sei es als Download oder auf einem Datenträger).

Die Hörgewohnheiten sind bei mir recht unterschiedlich. Wenn ich Musik aktiv höre, dann eigentlich immer im Album. So als Hintergrundmusik oder im Auto stelle ich mir allerdings auch Mixtapes zusammen.

Was Mixtapes und Compilations angeht, bin ich übrigens auch anderer Meinung. Die haben ihren Zenit doch nun wirklich schon längst überschritten. Der Trend geht doch dahin, sich seine Mixtapes selbst zusammenzustellen. Nahezu jeden Künstler kann man über Youtube & Co. probehören, dann lädt man sich die Songs und macht daraus seine Compilation. Ich kenne eigentlich niemanden, der sich Compilations oder Sampler kauft.

Worauf ich hoffe, das sind Alben, die in echtem Surround abgemischt sind. Während man bei Filmen auf einen immer besseren visuellen und akustischen Genuss hinarbeitet, stecken Alben noch immer in Stereo fest. Da müsste doch mal ein Fortschritt drin sein.

geschrieben von Konna
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4

Ich liebe Alben. Ich kaufe fast keine Singles. Wenn ich mal einen alten Rock Song haben möchte, lade ich ihn bei iTunes.

Dass das Album ausgestorben ist, sehe ich auch noch nicht. Konzeptalben sind eine wunderbare Sache, aber auch Alben, die kein genaues Konzept verfolgen, sind es immer noch wert gehört zu werden.

Künstler wollen immer ihre Musik an die Fans bringen. Wenn sich eine Band z.B. ein Jahr zurückzieht, um Songs zu schreiben um dann mit frischem und freiem Material zurück zu kommen, dann wollen sie möglichst viele dieser Lieder den Fans zeigen um eben auch auf Tour aus diesem Fundus zu schöpfen.

Die Hörgewohnheiten gehen aber wirklich mittlerweile stark auseinander. Ich höre im Auto entweder Hörspiele, gerade neu gekaufte Alben oder eben shuffle. Da kann dann Maiden auf Louis Armstrong folgen. Je nach Laune auch nicht schlecht.

geschrieben von Heuni
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5

@Konna: Ja, da hast du sicher recht – das jeweilige Genre bzw. die Szene hat sicher auch einen großen Einfluss darauf, wie man mit Alben umgeht. Im Mainstream, wo Singles eh schon immer das wichtigste waren oder auch in der elektronischen Musik, wo man schon immer eher weniger Alben produzierte (immerhin muss da auch nicht immer eine ganze Band ins Studio), wird das schneller zurückgehen als vielleicht im Rock oder Metal. Aber ich denke auch da werden nach und nach die zusammenhangslosen Alben einfach seltener werden.

Gegen mit Bedacht zusammen gestellte Songs zu einem Album habe ich auch nichts – im Gegenteil. Da bin ich auch deiner Meinung. Ich habe nur halt das Gefühl, dass so etwas heutzutage immer liebloser geworden ist und denke ja gerade deshalb, dass unsere moderne Download-Zeit die liebevoll gemachten Alben rettet und die anderen aussterben lässt!

Mit Mixtapes und Compilations meine ich auch nicht die Kaufversionen. Die haben ihren Zenit wirklich lange überschritten. Ich meine eher einfach Playlists, sei es im Online-Radio, bei Streamingdiensten oder so. Sicher kann man auch selbst Musik entdecken, aber manchmal ist es doch gerade schön, neue Musik von jemandem empfohlen zu bekommen, der einen tollen Geschmack hat.

Außerdem finde ich, dass wirklich toll gemachte Mixtapes ja auch eine eigene Kunstform sind, die genau so viel wert sind wie ein gut zusammengestelltes Album oder je nach Art des Tapes auch wie ein Konzept-Album.

Was Surround angeht: Mal sehen, wo die Entwicklung hingeht. Ich befürchte aber, dass sich sowas abseits von Konzertfilmen kaum durchsetzen wird. Die Musikbranche hat es ja schon mit der DVD-Audio und der SACD versucht. Die haben sich nicht wirklich durchgesetzt.

@Heuni: Klar sind Alben es wert, gehört zu werden. Trotzdem denke ich nach allem, was ich so die letzten Monate und Jahre gelesen habe, dass sie immer weniger werden.

Mit unseren heutigen Möglichkeiten, Musik auch mal schnell professionell an einem Laptop abzumischen und auch mit recht günstiger Ausstattung ein brauchbares Studio aufzubauen, müssen Bands sich an sich nicht mehr unbedingt für ne Weile zurückziehen und ein ganzes Album produzieren. Es gibt doch jetzt auch schon oft Bands, die immer mal nebenbei auf Tour oder so auch mal nen neuen Song einspielen.

Man kann heutzutage auch einfach spontaner sein. Es ist für eine Band sicher auch nicht immer ein Spaß, zwischen Einspielen der Songs und dem eigentlichen Erscheinen unter Umständen Jahre vergehen zu sehen, wenn für sie die Musik gar nicht mehr so neu ist.

geschrieben von beetFreeQ
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