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Rezension
Wendy Carlos - "Tron" Original Motion Picture Soundtrack

Das AlbumcoverGrüßt euch, Programme.

Ich bin Sir Donnerbold, und ich möchte euch anlässlich des in nicht mehr all zu weiter Ferne liegenden Kinostarts von “Tron Legacy” den Soundtrack zum 80er-Kultklassiker “Tron” vorstellen. Die außergewöhnliche Kreuzung aus Midi-Klangästhetik und Orchester, die ein erheblicher Teil des Filmerlebnisses von “Tron” darstellt,  haben wir der Komponistin Wendy Carlos zu verdanken, die zuvor auch den Score zu Stanley Kubricks “A Clockwork Orange” kreierte.

Für die bedauerlichen Programme unter euch, deren Schaltkreise bislang an “Tron” vorbeirauschten, hier eine kurze Zusammenfassung, worum es in diesem Film dreht:

Der Programmierer Kevin Flynn, der mehrere erfolgreiche Arcade-Titel schrieb, wurde hinterhältig vom Präsidenten der Computer- und Technologiefirma Encom ausgebootet. Um an Beweise dafür heranzugelangen, dass er für die größten Erfolge Encoms verantwortlich ist, versucht er sich ins System der Firma zu hacken, doch das neu installierte Master Control Program (kurz MCP) ist äußerst effektiv in der Bekämpfung feindlicher Angriffe. Zu effektiv: Das MCP beschneidet rigoros die Userrechte der Firmenangestellten und startet seinerseits Hackerangriffe auf andere Computernetzwerke.

Flynns weiterhin bei Encom angestellten Freunde, Alan Bradley und Lora (Flynns Ex, die nun mit Alan zusammen ist) wollen ihm dabei helfen, an seine Daten heranzukommen. In einer Nacht- und Nebelaktion brechen sie in das Labor ein, wo die weiterhin mit einer hohen Sicherheitsfreigabe gesegnete Lora mit ihren Kollegen derzeit an einer Kreuzung aus Digitalisierungs- und Beamerstrahl arbeitet. Doch als sich Flynn in das System hackt, greift das MCP ein und saugt Flynn in die Welt innerhalb des Encom-Netzwerkes. Es ist eine Welt, in der die Programme unter der Tyrannei des MCPs und seiner Schergen leiden müssen. Programme, die sich nicht mit der Agide des MCPs vereinen lassen oder es wagen, an so etwas wie “User“ zu glauben, die diese Welt geschaffen haben sollen, werden gnadenlos gefoltert oder auf dem Spieleraster in Gladiatorenkämpfen verheizt.

Carlos’ Score setzt die visuellen Eindrücke von “Tron” wunderbar in Musik um. Die Musik strahlt eine sterile, kühle Stimmung aus, die zu der Schlichtheit der Computerwelt passt. Zugleich ist die Musik, genau wie die Optik des Films, sehr stylisch, sie hat einen ganz eigenen und ungewöhnlichen Dreh an sich.
Deshalb prägte dieser Soundtrack auch meine Vorstellung davon, wie Musik im Cyberspace zu klingen hat. Die einzige Alternative, die sich durchsetzte (“Cyberpunk is Techno”, popularisiert durch “Matrix”) scheitert an meinem persönlichen Musikgeschmack. Die Klangästhetik in “Tron” ist anders, als die in unserer Welt, aber sie hat ihre Wurzeln in unseren Musikkonventionen. Das Synthesizer-Geklimper im Zusammenspiel mit pointiertem Einsatz klassischer Orchesterinstrumente geht sofort ins Ohr und stets hat man den Gedanken, mit diesem Stil etwas völlig neues zu hören, das einem dennoch bekannt vorkommt. Rückblickend ist es nahezu schockierend, dass die Produzenten des Films Carlos ursprünglich darum baten, ausschließlich Synthesizer-Klänge zu verwenden. Um nicht in der Elektronik-Schublade hängen zu bleiben, fragte Carlos, ob er nicht ein philharmonisches Orchester verwenden dürfte – und die Produzenten ließen ihn glücklicherweise walten.

Ein Bild aus der Welt von "Tron"Allerdings gibt es an dieser interessanten und intelligenten Symbiose, zumindest in dieser Ausführung, ein paar Punkte, die ich zu bemängeln habe:
So fällt beispielsweise beim Anhören des Soundtrackalbums auf, dass sich einige Motive im Lauf der über 50 Minuten zu oft wiederholen, wodurch der Score ohne Begleitung durch den Film am Stück gehört ermüdend wird. Selbstverständlich ist es mir bewusst, dass es eine weit verbreitete Praxis im Bereich der Filmmusik ein paar Hauptthemen zu verfassen und diese dann über den Film verteilt wieder und wieder zu verwenden. Jedoch variieren solche Komponisten wie die zu meinen Favoriten zählenden James Newton Howard, Michael Giacchino und Hans Zimmer die Leitmotive, arrangieren sie um, kreuzen sie miteinander. Der Score zu “Tron” erweckt den Anschein, dass er bei sich selbst samplet – ohne größere Variation.

Deswegen sind die zwei eingestreuten Tracks der Progressive-Rockband Journey eine willkommene Abwechslung. Ihr Song “Only Solutions” ist Standardrock der Achtziger, nichts positiv oder negativ auffälliges, aber das Instrumentalstück “1990’s Theme”, welches sich am Stil von Carlos’ Score anlehnt und die Tron-Klangästhetik um eine E-Gitarre bereichert ist äußerst gefällig.

Die eingängigen und wirkungsvollen Hauptthemen des Scores, ein rhythmisches, quasimilitärisches sowie ein emotionaleres mit sehnsuchtsvollen Qualitäten, sind sehr atmosphärisch, weshalb sie im Kontext des Films kaum zu kritisieren sind. Etwas Variation hätte ihnen dennoch nicht geschadet, denn ich halte es durchaus für möglich, dass diese beiden Themen aufgrund ihres Minimalismus sehr flexibel sind, was Carlos jedoch kaum vorführt. Das emotionale Thema bekommt etwa als Track mit dem Namen “Love Theme” eine mit zarten Streichern verstärkte und durch einem seligen Chor unterstützte, fast-romantische Abwandlung spendiert. In “Ending Titles” kommt sogar eine Elektro-Orgel hinzu, während das militärische Thema ein wenig durch den Verzerrer gejagt wurde, mit großem Effekt. Davon hätte es durchaus mehr geben dürfen, wovon bestimmt auch der Film profitiert hätte, selbst wenn die fehlende Abwechslung dort nicht so sehr auffällt.

Dieser Kritik zum Trotz ist das Soundtrackalbum zu “Tron” gelungen. Es wird nicht jedermanns Geschmack treffen, da die minimalistischen und kalten Synthesizerklänge für das Ohr eines Nicht-Retrozockers sicherlich zu exzentrisch sowie zu unaufregend sind. Wer aber mit Videospielen der Pre-Playstation-Ära aufwuchs oder einfach offen für weniger frenetische Elektromusik ist, sollte definitiv reinhören. Es geht zwar ganz klar “style oder substance”, doch es ist ein, wie ich finde, sehr origineller Style, der einem sehr lange in Erinnerung bleibt.

Rating: ★★★★★★★½☆☆ 

Anspieltipps: “Ring Game and Escape”, “Tron Scherzo”, “Magic Landing”, “1990’s Theme”, “Love Theme”, “Ending Titles”, “Tronaction [Original Version]”

Kommentare

1

Eine tolle Rezension! Ich bewundere ja eh immer, wie du für Alben und Filme so ellenlange Texte schreiben kannst, völlig ohne zu langweilen oder so! Hut ab! Ich muss gestehen, dass ich den Tron-Soundtrack kaum kenne. Aber da ich auch den Clockwork-Orange-OST liebe und deine Rezi Lust auf mehr macht, werde ich definitiv mal reinhören!

geschrieben von beetFreeQ
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2

Danke. Wenn der Chef die Vertretung lobt, dann fühlt man sich direkt richtig wohl. :-)

Bin auf deine Meinung über den Soundtrack sehr gespannt. Werde sehr gerne was darüber lesen, wenn du reingehört hast.

geschrieben von Sir Donnerbold
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I’m travelling the wonderful loneliness of the headphone silence

Ane Brun

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