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Album Round-Up
Anaïs Mitchell, Born Ruffians, Kele, Lorn, Nice Nice, The Chemical Brothers, The Roots

2010 ist bisher ja schon wieder so ein Jahr mit kaum zu bewältigenden Massen an hörenswerten Alben. Wo ich im Juni schon sieben in einem Round-Up abgearbeitet habe, sind seitdem neben der bereits rezensierten Scheibe von Jamie Lidell schon wieder sieben Stück erschienen, die alle auf jeden Fall rezensierenswert sind. Legen wir also gleich ohne Umschweife los!

Anaïs Mitchell – Hadestown

Country ist ja eine dieser Musikrichtungen, mit der man mich jagen kann. Folk ist zwar oft stark mit dem Country verwurzelt, aber schon weit angenehmer. Anaïs Mitchell ist nun in beiden Genres zu Hause und macht es somit nicht immer leicht, ihre Musik zu mögen. Auf Hadestown kann ich meine Country-Abneigung aber völlig vergessen, denn dieses Konzeptalbum nutzt die Versatzstücke des Genres herrlich klischeefrei. Vielmehr taucht man in die Orpheus-Sage ein, die Anaïs mit illustren Gastsängern wie Justin Vernon (Bon Iver), Ani DiFranco oder Ben Knox Miller hier zum neuen, modernisierten Leben erweckt. Die Geschichte um den Sänger Orpheus, der seine geliebte Eurydice aus dem Totenreich retten will und sich durch betörenden Gesang bei Totengott Hades einschmeichelt, wurde von den beteiligten Musikern toll umgesetzt und lädt zum Druck auf die Repeat-Taste ein!

Rating: ★★★★★★★★½☆ 

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Born Ruffians – Say It

Zu einer Zeit, in welcher der Indierock nur noch der Schatten seiner selbst ist und kaum noch wirklich besondere Bands auftauchen, tut es gut, so ein Album wie “Say It” vor sich zu haben. Die Born Ruffians setzen dem Indie-Einheitsbrei ihre vertrackten Rhythmen, detailverliebt ausgearbeitete Arrangements und Abwechslung entgegen. Sicher, den einen oder anderen Verweis auf andere Bands finde man auch hier, allen voran die nicht wegzudiskutierenden Anleihen bei Vampire Weekend. Aber im Gegensatz zum Zweitwerk der letztgenannten, hat das zweite Album der Born Ruffians mehr als ein zwei Hits zwischen viel Füllmaterial zu bieten. Sie erfinden den Indierock zwar auch nicht neu, leben ihn aber in seiner Gänze aus, anstatt sich von Song zu Song nur selbst zu kopieren.

Rating: ★★★★★★★½☆☆ 

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Kele – The Boxer

Nach dem Ende von Bloc Party blickte die Fanwelt gespannt auf die sich anbahnenden Soloausflüge des Leadsängers Kele Okereke, war er doch treibender Motor hinter den zunehmend elektronischen Sounds der Band. “The Boxer” stellt nun eine an sich logische, aber doch nicht unbedingt uneingeschränkt vorteilhafte Progression dar. Kele gibt sich voll und ganz den Clubsounds hin, die vor allem im Vereinigten Königreich die Tanzschuppen beschallen. Was auf einigen Songs wie “Tenderoni” oder “Walk Tall” funktioniert und für ordentlich basslastige Fußwipper sorgt, geht auf anderen wegen viel zu cheesig abgegriffener Stilelemente leicht in die Hose. So sehr ich auch den Basslauf in “On The Lam” mag, so sehr gehen mir doch die abgegriffenen Garage-Sounds und der verzerrte Gesang auf die Nerven. Dass Kele dann leider auch noch in dem uninspirierten “Unholy Thoughts” mehr schlecht als recht versucht, den Bloc-Party-Klassikern nachzueifern, ist sicher auch nicht hilfreich. Schade eigentlich, denn das Potential ist eindeutig vorhanden, wird aber leider zu oft verschenkt, um wirklich überzeugen zu können!

Rating: ★★★★★★½☆☆☆ 

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Lorn – Nothing Else

Wenn Flying Lotus sich einen Künstler auf sein Brainfeeder-Label holt, der anders als alle Vorgänger seine Wurzeln nicht in L.A. hat, dann lässt das schon aufhorchen. Lorn hat diese Ehre aber auch definitiv verdient. Der Illinoiser liefert mit diesem Debut den traumhaftesten Horrorsoundtrack ab, den ich seit langem gehört habe. Düster blubbernde Synthesizer kämpfen gegen tanzbare Beats an und lassen sich von sphärisch-schönen Melodiebögen leiten. Dunkelheit wurde vermutlich noch nie aussagekräftiger in instrumentaler Musik ausgedrückt!

Rating: ★★★★★★★★½☆ 

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Nice Nice – Extra Wow

Instrumental ist die Musik von Nice Nice zu vielen Zeiten ebenfalls, wenn aber mal Gesang dazu kommt, dient er eher als Instrument denn als Texte transportierender Apparat. Da passt es natürlich vorzüglich, dass sich die Band mit ihrem psychedelischen Sound auf dem für Experimente bekannten Warp-Label niederließen. “Extra Wow” ist ein Ritt durch Lärmkulissen, die oft erst auf den zweiten Blick ihre mitreißende Rhythmik offenbaren. Man muss sich die vorhandenen Melodien erst aus dem Dickicht herausschälen, wird dann aber mit einem detailverliebten Sound unter der vorgetäuschten Monotonie belohnt. Die Musik von Nice Nice ist sicher nichts für nebenbei, dient aber zum perfekten Abtauchen in wilde, fordernde Klangwelten.

Rating: ★★★★★★★★☆☆ 

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The Chemical Brothers – Further

Man könnte meinen, die Chemical Brothers hätten sich von Nice Nice inspirieren lassen, so ähneln sich die Herangehensweisen an die Musik ihrer jeweils aktuellen Alben doch. Aber schaut man durch den Backkatalog der Brüder, entdeckt man durchweg diese psychedelische Ader, die mal mehr, mal weniger stark ausgelebt wurde. Auf “Further” setzt das Duo diesem Aspekt ihrer Musik aber die Krone auf. Anstatt sich wieder massenhaft bekannte Gaststars heranzuholen, besinnen sie sich auf ihre Wurzeln und schicken den Hörer auf eine absichtlich monoton-ekstatische Reise. Begleitet werden die Songs allesamt von passenden Musikvideos, die sich auf der beigelegten DVD befinden. Die Musik funktioniert aber auch herausgelöst aus diesem Gesamtkunstwerk, denn in Sachen Videos hat man schon besseres von den Chemical Brothers gesehen. In Sachen Musik sind sie aber stark wie lange seit einigen Alben nicht mehr!

Rating: ★★★★★★★★☆☆ 

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The Roots – How I Got Over

Auch die Roots haben eine kleine Metamorphose durchgemacht, die sie wieder aus dem leichten Formtief herausholt. Dabei geht man mit “How I Got Over” ein gewagtes Experiment ein, das an sich aber gar nicht so abwegig ist! Die Hip-Hopper haben sich an die Essenz ihres Genres gewagt und diese auf die erst auf dem zweiten Blick verwandte Singer-Songwriter-Welt losgelassen. Da ist es natürlich auch nur logisch, dass man sich neben den üblichen verdächtigen Gastrappern auch Musiker wie Joanna Newsom und die Monsters Of Folk ins Boot holt und im Falle der letztgenannten mit “Dear God 2.0″ einen ihrer Songs neu auflegt und damit einen würdigen Nachfolger zu “You Got Me” im Gepäck hat. Das Ergebnis sind überraschend erdige Songs, die viel Aussagekraft haben und vor allem durch ihr Live-Feeling zu dem besten gehören, was die Roots in den letzten Jahren ablieferten.

Rating: ★★★★★★★★☆☆ 

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Plattenteller

http://www.youtube.com/view_play_list?p=F011D010E6F8ECDC

  • Anaïs Mitchell feat. Justin Vernon, Ani DiFranco and Ben Knox Miller – Way Down Hadestown (nur Audio)
  • Born Ruffians – What To Say (offizielles Video)
  • Kele – Tenderoni (offizielles Video)
  • Lorn – Army of Fear (nur Audio)
  • Nice Nice – See Waves (nur Audio)
  • The Chemical Brothers – Swoon (offizielles Video)
  • The Roots – Dear God 2.0 (offizielles Video)
  1. leider ohne Tracknummern in falscher Reihenfolge [] []

Kommentare

1

Och, mit den Chemical Brothers bin ich nicht warm geworden. Mit diesem Album hier erst recht nicht.

geschrieben von endgueltig
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2

@endgueltig: Das Album ist auch alles andere als die Einsteiger-Scheibe. Aber ihre Musik ist eh Geschmackssache – man muss schon sehr gern elektronische Musik hören, um sie zu mögen.

geschrieben von beetFreeQ
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3

Hi!
Anais Mitchell hat mir soeben einen Ohrwurm verpasst. Tolles Lied! Born Ruffians war mir bisher nur vage ein Begriff, aber direkt mal reingehört und das Album ist gleich im Warenkorb gelandet.
Vielen Dank fürs dieses Round-Up. Ist das erste was ich lese – ich bin noch neu – aber ich freu mich immer, wenn ich neue Musik kennen lerne :)

geschrieben von Indieröhre
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4

@Indieröhre: Und ich freue mich, wenn der eine oder andere Leser in meinen Empfehlungen wirklich neue Bands für sich entdeckt! :)

geschrieben von beetFreeQ
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Got to be a chocolate Jesus
Good enough for me

Tom Waits

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