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Ein Virus das nicht ansteckt

Virale Werbung ist ja schon was Feines. Der Marketingmensch sorgt dafür, dass die Zielgruppe auf etwas Verrücktes, Unerwartetes oder Mysteriöses stößt und selbst dafür sorgt, dass dieses Etwas sich verbreitet, bis schließlich ans Licht kommt, was dahinter steckt und das beworbene Produkt in aller Munde ist. So in etwa hat sich das wohl auch eine kleine Schokoladenfirma gedacht, als sie einigen Bloggern – u.a. mir – zusammen mit einem formlosen Brief ein Kondom mit Schokogeschmack zuschickte.

Die Idee war ja ganz nett, die Umsetzung dagegen funktionierte aber nicht wirklich. Nachdem man den Umschlag geöffnet und das Kondom erblickt hatte, war man erst mal schon neugierig, was sich dahinter verbirgt. Eine Webadresse auf dem Kondomheftchen führte zu einem Blog einer Person namens Marko bzw. Anna, denn weibliche Blogger bekamen einen anderen Link serviert. Beide Blogs sahen sich überraschend ähnlich, beide Personen hatten ach so zufällig gleichzeitig begonnen zu bloggen, zu twittern und tauchten zeitgleich auf Facebook auf. Wie der Zufall es wollte, hatten natürlich beide in einem Datingportal jemanden kennengelernt, der sich unschwer als der jeweils andere herausstellte.

So nahm eine klischeereiche, künstliche Lovestory über zwei profillose gegensätzliche Twens ihren Lauf, ohne wirklich Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Beide Blogs können nur minimale Kommentare verzeichnen, die Twitteraccounts haben auch kaum Follower und auf Facebook hat man sich auch nicht wirklich mit den beiden fiktiven Persönchen verlinkt. Erwartungsgemäß war die durch ein hübsches Fotoagenturbild dargestellte Anna dabei nen Ticken erfolgreicher als Marko.

Interessant war nur eines. Beide schrieben auf ihren Blogs, dass sie ja auch so ein ach so mysteriöses Kondom zugeschickt bekommen hätten. Dieses sollte wohl noch eine größere Rolle in der Soap Opera spielen. Als aber bei der Anna zur Sprache kam, wie es denn sein kann, dass sie auch ein Kondom mit dem Link zum eigenen Blog zugeschickt bekam, versuchte die fiktive Anna sich herauszureden, dass sie durch das Kondom ja erst die URL bekommen habe – sozusagen gewonnen. Das sorgte nur für weitere verärgerte Kommentare, was denn der ganze Fake soll.

Ende der Geschichte: nach ein zwei “durchwachsenen” “Dates” der beiden tauchte plötzlich auf beiden Blogs eine Meldung auf, dass es ein Happy End gab und sich Gegensätze wie die beiden doch so anziehen… Natürlich entpuppte sich alles damit als Werbung eines Online-Schoko-Versands, der seine ach so innovative Kombi aus weißer und Vollmilchschokolade anpreisen wollte. Gähn…

Ich kann natürlich nicht einschätzen, was am Ende wirklich dabei rumkam und ob diese plötzliche Auflösung denn wirklich so geplant war, aber viel Erfolg kann das Ding sicher nicht gehabt haben. Seit dem Tag des Kondombriefs war die Resonanz, zumindest nach dem, was ich so in der Bloggosphäre und in Twitter aufgeschnappt habe, verschwindend gering. Wenn jemand drüber schrieb, dann eher skeptisch. Auch an dem Mangel an Vernetzung in Twitter und Facebook lässt sich kein besonderer Erfolg ablesen. Wer dann doch die Auflösung mitbekommen hat, dürfte auch eher ernüchtert gewesen sein. Der Shop selbst ist unter Bloggern nicht unbekannt, die tolle neue Innovation nicht wirklich so außergewöhnlich.

Ein ansteckender Virus ist dieses Kondom nicht wirklich geworden. Ich selbst hatte das Kondom schon fast vergessen und bin nur heute beim Räumen wieder drüber gestolpert. Ohne diesen Zufall hätte ich nicht mal von der Auflösung Wind bekommen. Besser wäre es hier sicher gewesen, das Kind von Anfang an beim Namen zu nennen und den ausgewählten Bloggern vielleicht statt des Kondoms eine Kostprobe der Schokolade zu schicken. Vermutlich hätten dann weit mehr Leute positiv drüber geschrieben, es wäre sofort in den Blogs aufgetaucht und nicht durch diese eher als Ärgernis angesehene, mehrere Tage dauernde fiktive Liebesgeschichte in Vergessenheit geraten.

Kommentare

1

Oh, ohne deinen Artikel hätte ich das jetzt auch total vergessen. Die Aktion war wohl nicht wirklich durchdacht. 😉

geschrieben von Konna
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2

Da geht’s mir wie Konna, danke für die Erinnerung. So haben sie immerhin (mind.) einen Klick mehr zum Shop bekommen. 🙂 Und ja: Gähn.

Jetzt müssten sie noch das große Werbebild im Auflösungsbeitrag mit dem Shop verlinken und nicht mir der noch größeren Variante des Werbebildes…

geschrieben von cimddwc
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3

Stimmt, das ging mal ganz schnell den Bach runter. Aber das passiert öffter als gedacht, wenn sich eine Werbeagentur einen interessanten Trend auf die Fahne schreiben möchte und dabei keine Ahnung hat, was sie da eigentlich macht.

geschrieben von kamil
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4

@Konna: Ne, sieht ganz so aus. Wäre es richtig gelaufen, würde heute jeder drüber schreiben 😉

@cimddwc: Huch, das hab ich nicht mal gemerkt – hab nämlich nicht mal drauf geklickt!

geschrieben von beetFreeQ
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5

@kamil: Stimmt. Virale Werbung muss als etwas Besonderes in Erinnerung bleiben. Das hat diese Aktion nicht wirklich geschafft, wie man sieht! 😉

geschrieben von beetFreeQ
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6

Meines ist im Müll gelandet, nachdem es mir einen recht aufregenden Nachmittag beschert hat (bei uns im die Ecke liegt eine von ziemliche Neonazi-Metropole, die Nazigegner immer wieder ihre Anwesenheit spüren lassen. Unsere Moschee wird folglich regelmäßig beschmutzt und der ein oder andere Punk vermöbelt. Und wenn dann ein anonymer Brief mit Druckbuchstaben und hartem Inhalt bei einem ankommt, dann ist das erstmal nichts, worüber man lachen kann – bei mir im Blog nachzulesen, falls es jemanden interessieren sollte).

Jetzt, wo ich weiß, was die Aktion sollte, halte ich sie nicht für weniger dumm, im Gegenteil. Da hat jemand mal wieder so absolut gar nicht verstanden, wie das mit dem Internet und der Werbung funktioniert. Hauptsache man twittert, und den Rest machen dann schon die anderen… oder so.

geschrieben von Moritz
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7

Ich habe absichtlich nicht darüber geblogt, weil ich nicht Werbung für etwas machen wollte, von dem ich nicht weiß was es ist. Total langweilig -.- Aber für mich mal wes neues.

geschrieben von chaosmacherin
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8

@Moritz: Ja, in deinem Fall bekommt so ein unerwarteter Brief ohne Absender natürlich gleich noch ne andere Bedeutung.

Schade ist ja auch, dass gerade so ein Internet-Startup, dessen Geschäftsinhalt mit der Selbstbau-Schokolade ja gerade durch das Internet erst richtig möglich ist, trotzdem so laienhaft mit dem Viral-Marketing umgeht…

@chaosmacherin: Jo, wenn man sonst nie großartig solche Post bekommt, ist das schon mal interessant. Kommt bei mir zum Glück ja auch nicht vor, dass ich mit solcher Werbung bombardiert werde.

geschrieben von beetFreeQ
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9

Also über Schokolade hätte ich gebloggt 🙂 Danke für die Aufklärung des Rätsels jedenfalls. Irgendwie habe ich gerade ein Déja Vu-Erlebnis – mit Schokolade, die mir besser gefallen hätte und fehlgeschlagenem viralen Marketing. Gab es so einen Fall vor einiger Zeit schonmal?

Jedenfalls mach ich mich jetzt mal auf die Suche nach was Süßem!

geschrieben von juliaL49
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10

@juliaL49: Hmm, mir ist sonst so spontan nichts anderes bekannt. Hab mich aber mit anderen Marketing-Aktionen nie so befasst, wenn sie nicht wirklich gut waren oder ich selbst irgendwie betroffen war!

geschrieben von beetFreeQ
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