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Wie aus David Hasselhoff Kaizers Orchestra wurden…

… eine musikalische Odyssee in fünf Akten.

Dany ist nach ihrer Blogpause wieder sehr aktiv und hat Großes mit uns vor. In ihrer Blogparade “Dein musikalischer Werdegang” fordert sie uns auf, unsere musikalische Entwicklung von Kinderschuhen an in einer Playlist festzuhalten und optional auch zu kommentieren. Genau mein Fall, dachte ich mir und machte mich an das Zusammenstellen einer Liste.

Da ich ja ein sehr musikalischer Mensch bin, gibt es da gleich tonnenweise Bands und Künstler, die meinen Geschmack beeinflusst haben, viel zu viele, um sie alle hier zu nennen. Ich habe es aber geschafft, die Essenz der Wandlung meines Geschmacks in 25 Songs, unterteilt in fünf Akte zusammenzuschrumpfen. Im Endeffekt ist das auch mehr als ausreichend, wenn man bedenkt, dass allein die ersten beiden Akte fast ausschließlich mir mittlerweile peinliche Musik beherbergen! Aber die gehört eben auch dazu, wenn man seinen musikalischen Werdegang dokumentieren will!


[Grooveshark-Direktlink[1]]

Akt 1: Wie ich die Charts entdeckte, aber nicht wusste, was für ein Müll das eigentlich ist

Ich wuchs als musikalisch ziemlich unbedarfter Steppke in einem kleinen Dorf in Schleswig Holstein auf, wo ich weder durch meine eher wenig musikinteressierten Eltern noch durch meine frühen Schulfreunde groß ein ordentliches musikalisches Fundament hätte aufbauen können. Also nahm ich, was sich einem kleinen Jungen in den 80ern als erstes anbot: David Hasselhoff! War er doch nicht nur in seiner Rolle als Michael Knight in Knight Rider mein Idol, nein, er konnte doch auch so toll singen. Ich hatte damals alle Kassetten! Etwa zur gleichen Zeit stolperte ich auch über irgend eine alte Hits-Cassette meines Cousins über den Song “The Heat Is On” von Glenn Frey[2], der viele Lego-Spielstunden mit meinem Cousin beschallen sollte.

Einige Zeit später bekam ich dann meinen ersten CD-Player. Netterweise hatte der Supermarkt im Dorf nun auch CDs im Sortiment, meine einzige Quelle für Musik. Da störte es mich als Unwissender auch kaum, dass dieses Sortiment sich hauptsächlich aus verramschten, ausrangierten Sachen von Modern Talking, Middle Of The Road oder Boney M zusammensetzte. Erst eine damalige Freundin aus der Feuerwehrkapelle, in der ich zeitweise Trompete spielte, holte mich dann aus der Misere des Unwissenden in die fast noch größere Misere des Chartshörenden. Sandra, Roxette und ähnlicher Schmonz waren angesagt. Ich habe es geliebt…

Akt 2: Wie ich meinen eigenen Geschmack entwickelte, aber vom Techno geblendet nicht den richtigen Weg fand

Die frühen 90er waren dann so ziemlich vom Techno beherrscht. U96 hatten die Underground-Musik salonfähig gemacht, der Eurodance überflutete die Charts und ich war mittendrin. Es gab viele dieser unsäglichen Dance-Projekte, die ich damals liebte, mein größter, aber zum Glück nur kurzer Faible wurde aber durch DJ Bobo ausgelöst. 2Unlimited, die ich heute ja fast wieder ganz ok finde, und Scooter, die sich auf ihrem “wir ziehen jede Melodie durch den Kakao, die wir finden können”-Trip befanden, konnten es da kaum noch schlimmer machen.

Erst Charly Lownoise und Mental Theo sorgten dann für eine Weiterentwicklung, die allerdings auch noch nicht unbedingt die tollste war: Ich entsagte langsam den Charts, um mich im tiefsten Rave und Hardcore-Techno niederzulassen. Immerhin konnten sich Projekte wie Technohead positiv absetzen, dass ich sie heute sogar hier und da noch mal höre. Der Weg zu Besserem war geebnet!

Akt 3: Wie ich endlich aus dem Wald der schlechten Musik fand, Rock aber ein monotones Geschrammel für mich blieb

Nach der Realschule machte ich mein Abi nach und musste dazu täglich in die nächste größere Stadt fahren. Dort gab es zur Abwechslung sogar sowas wie ernstzunehmende Plattenläden. In Kombination mit einem neuen Freundeskreis entwickelte sich plötzlich so etwas wie ein ernstzunehmender Musikgeschmack. Rave langweilte mich langsam mit seinem immer gleichen Gestampfe, die hektischen Breakbeats des Happy Hardcore brachten mir aber Spaß. So fand ich meinen Weg zum Drum & Bass, einer Musikrichtung, die erst mal für einige Zeit fast das Ein und Alles für mich sein sollte.

Ganz ausschließlich schwelgte ich aber dennoch nicht in den gebrochenen Beats, denn etwa zeitgleich entdeckte ich Björk und Portishead, welche mich weiter in die vielfältige, chartsfremde Welt der elektronischen Musik mitnahmen. Squarepusher und Aphex Twin wurden dann so ziemlich der Inbegriff guter Musik für mich. Selbst Jazz nahm ich auf dem Weg durch die davon beeiflusste Elektronik mit. Rock hingegen konnte ich rein gar nix abgewinnen. Das war doch alles immer das Gleiche, mit seinem Gitarrengeschrammel. Immerhin hatte ich meiner dunklen Charts-Vergangenheit endgültig entsagt.

Akt 4: Wie die Liebe meine Vorurteile zum Rock zerstreute und einer neuen Passion den Weg ebnete

Meine Zeit als Zivildienstleistender sollte die nächste Wendung bringen. Während ich mich innerlich für den schlimmen Ballermann-Musikgeschmack meines direkten Vorgesetzten schämte, weckte ein Mädel mit Dreadlocks mein Interesse für Rockmusik. Wir redeten viel und ich erfuhr viel über ihren Geschmack, den ich bisher noch so garnicht teilte. Auf meinem Zivilehrgang kam ich dann das erste Mal in meinem Leben nach Kiel und hatte dort dank netter Kollegen und dem superben Plattenladen “Blitz” dann die Gelegenheit, mich langsam dem Rock anzunähern.

Ich war ja schon großer Fan von Prodigy, wollte damals aber erst natürlich nichts davon wissen, wie stark ihr Album “Fat Of The Land” doch vom Rock beeinflusst sei. Diese Musik kam mir aber in der Gewöhnungsphase sehr zu Gute. Der nächste Schritt sollte dann von Nine Inch Nails geebnet werden und ich war hin und weg. So stellte ich mir Rockmusik vor. Ich konnte endlich mit Gitarren etwas anfangen. Pitchshifter gaben mir dann auch noch die gewohnte Nähe zu den Breakbeats wieder.

Auf einer Abiparty lernte ich dann, endlich mit für den Rock geöffneten Ohren, Rage Against The Machine’s “Killing In The Name Of” kennen. Mir war egal, wie alt das Stück mittlerweile schon war. Ich hatte eine neue Passion. Auch Primus kamen mit der Zeit dazu und stellten ebenso eine wichtige Band der Jahrtausendwende für mich dar. Mit der Liebe zu dem Dreadlock-Mädel wurd’s zwar nie was, die Musik ist aber geblieben.

Akt 5: Wie ich endlich am Ziel ankam und losgelöst von Genregrenzen wild durch den Garten Musik genieße

2001 war ich war gerade neben den härteren Rock-Gangarten völlig im Funk versunken und entdeckte dank der Welt des Internets mehr und mehr Musik, die mir vorher verschlossen blieb. Durch Musikmagazine wie Rolling Stone war ich auch so langsam im Indie angekommen. Bands wie Franz Ferdinand, die ganz simpel handgemachte Musik machten, waren längst kein Tabu mehr für mich sondern wichtiger Bestandteil meines Geschmacks.

Den größten Batzen sollte ich aber erst noch dazu bekommen, denn ebenfalls übers Internet klopfte eine viel wichtigere und vor allem nachhaltigere Liebe an. Meine liebste Leipzigerin wurde durch stundenlange Chatsitzungen und Telefonate meine neue musikalische Muse. Über sie vergaß ich sämtliche Genregrenzen, Musik war da, um entdeckt zu werden, egal woher sie kam und welcher Subkultur sie angehörte. Ich lernte Tom Waits lieben, entdeckte über immer weitere Verzweigungen so musikalische Genies wie Andrew Bird, machte emotionale Luftsprünge ob der Durchgeknalltheit von Mr. Bungle und entwickelte zusammen mit meiner Leipzigerin eine Passion zu Kaizers Orchestra.

Abspann

David Hasselhoff spukt längst nur noch als böse Kindheitserinnerung durch’s Unterbewusstsein. Aus einem Chartsanhänger hat sich ein Chartshasser entwickelt, der aber davon abgesehen so ziemlich jeder Art von Musik eine Chance gibt, solange sie wirklich aus Spaß an der Musik gemacht wurde und nicht schlicht und einfach um dem Geschmack der Massen zu entsprechen und die Kassen klingeln zu lassen.

Schon seit Akt 3 hat sich mein Geschmack an sich kaum noch von einer Musik zur nächsten gehangelt, um die vorhergehende links liegen zu lassen. Vielmehr ist mein Geschmack seitdem nur immer größer geworden. Ich höre Musik aus fast allen Richtungen und genau das ist es, was ich an der Musikwelt so liebe. Man entdeckt überall etwas anderes, die Abwechslung ist schier unendlich und ich bin mittendrin.

Ich kenne schon tausende von guten Bands, bin mir aber sicher, damit gerade mal an der Oberfläche dessen zu kratzen, was die Welt da draußen an Musik zu bieten hat. Und das Internet macht es erst möglich sie zu entdecken! Es gab keine bessere Zeit für Musikliebhaber als heute!

  1. Tipp: Dort kann man innerhalb der Songs auch spulen – grad bei dem Müll am Anfang dieser Playlist durchaus nützlich! []
  2. Die Angabe, dass Kenny Loggins der Sänger sei, wie die Playlist behauptet, stimmt nicht. Es gab den Song nur nicht mit richtigen Angaben []

Kommentare

1

Die Playliste nehme ich mir später vor, aber die ersten Songs überspringe ich sicher 😉

Einen sehr ungewöhnlichen Werdegang hast du hinter dir, der aber zumindest dein Faible für seltsame Musik erklärt. Und deinen letzten Absatz sollte man auf T-Shirts drucken und verkaufen!

geschrieben von juliaL49
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2

Ha, wir beide haben ähnlich schlimme Songs am Anfang. Obwohl – wie es mein Beitrag zeigen wird – ich durch meinen Papa eigentlich mit einer sehr guten musikalischen Basis ausgestattet wurde. Aber irgendwie habe ich mich durch Beeinflussungen der Schule beirren lassen, da man ja auch mitreden wollte. Irgendwie fand man das ein oder andere auch ganz gut. Ein Interesse für anderes zu entwickeln fiel mir damals schwer. Außerdem ist es genau wie Du sagst. Ohne das Internet, die vielen Blogs und das neue Internet-Musikzeitalter würde man vieles einfach gar nicht mitbekommen.

Ein sehr feiner Artikel. Vielen Dank!

geschrieben von Dany
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3

@juliaL49: Hehe, was meinste, was ich beim Zusammenstellen der Songs mit zumindest den ersten neun Songs gemacht habe? 😉 – Mehr als ein paar Takte, um zu prüfen, ob die Songs auch die richtigen sind, hab ich mir nicht gegeben!

Meinste der Satz ist so T-Shirt-würdig? Von der Aussage her stimme ich dir zu, aber meine Ausdrucksweise reicht nicht so ganz für ein tolles T-Shirt, glaub ich! 😉

@Dany: Da bin ich mal auf deine Auswahl gespannt. Ich hätte ja fast als jedem der fünf Akte locker je 25 Songs machen können. Aber das hätte sich keiner freiwillig angetan – ist ja so schon an der Schmerzgrenze in Sachen Länge! 😉

geschrieben von beetFreeQ
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4

Ich wusste gar nicht das du auch Kaizers Fan bist – ich habe die vor ca. 3 Jahren über “gipsy” Tag bei last.fm gefunden und bin seitdem hin und weg und hatte das größe Glück sie schon 2x live sehen zu können 🙂

geschrieben von adastra
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5

@adastra: Ja, ein sehr großer sogar. Finde ich ja gut, hier noch einen Fan gefunden zu haben!

Ich hab sie vor Jahren mal empfohlen bekommen und fand sie da schon toll. Als sie aber 2008 auf dem Omas-Teich-Festival als Headliner spielten, sind meine Freundin und ich hingefahren und die Band hat uns quasi weggeblasen und wir waren Teil der Kaizer-Familie. Ein paar Wochen später sind wir dann auch gleich recht spontan in den Ruhrpott gefahren, weil die Band in Oberhausen auf einem kostenlosen Festival in Oberhausen ebenfalls Headliner waren. Seit dem Sommer gibt’s keine bessere Band mehr für mich! 😉

Hatte also auch schon 2x das Live-Vergnügen. 🙂 Sie spielen aber ja zum Glück auch recht oft in Deutschland. Als nächstes muss aber auch dringend noch ein reguläres Konzert ohne die typischen Festivalbeschränkungen sein.

geschrieben von beetFreeQ
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6

Aaaah, auf dem OLGA’s Rock war ich auch! Hatte ich ganz vergessen, also hab ich sie schon 3x live gesehen. Dort fand ich sie aber nicht so gut, der Sound war sehr miserabel und die Jungs irgendwie auch nicht 100%ig fit. Dagegen war mein erstes Konzert von ihnen in Köln absolut göttlich – perfekter Sound, perfekte Show, alles in allem sehr perfekt! Habe sie dann nochmal in Düsseldorf gesehen, was aber auch nicht so toll wie beim ersten Mal war. Ich glaub das erste ist immer das beste 😉

geschrieben von adastra
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7

@adastra: Stimmt, Olga’s Rock war das. Ja, das erste Konzert war auf dem Omas Teich gefiel mir auch etwas besser. Der Klang in Oberhausen war echt nicht so spitze. Dafür gab’s ja vorher immerhin “The World/Inferno Friendship Society”, die ich auch ziemlich spitze fand und auch ein kleiner weiterer Grund waren, dort hinzufahren!

geschrieben von beetFreeQ
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8

Haha, *lol* der Beginn kommt mir sehr bekannt vor…^^ Muß am Jahrgang liegen….Was man da nicht alles gehört hat…
Und einiges davon live gesehen 😀 (Hasselhoff… Wobei, 1. Konzert! Großartig!^^)

“The heat is on” habe ich, glaube ich, später kennengelernt; finde ich heute noch ´n Kaller! ^^ Daran ist ja nun echt nichts peinlich.

Roxette live gesehen. 🙂 War gut. (Außerdem sind das ja auch erstzunehmede Künstler.)

In den 90er hab ich all das aber nicht wirklich gehört… Das war ja fast noch schlimmer, als der Anfang…
Ein grauenhaftes Jahrzehnt…

Tja, open your mind! Finde ich auch. Gerade als Musiker.

Ach ja, don´t forget: The “Hoff” is back!… 😀 *lol*

geschrieben von funmusic
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Be excellent to each other. And... Party on, dudes!

Bill & Ted

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